Man könnte sagen, dass ich mich bereits darauf eingestellt hatte im Herbst einen Marathon zu rennen. Es ist die beste psychische Vorbereitung für die nächste Saison und lässt einen nochmals spüren, wie sehr die Form in wenigen Wochen kaput gehen kann.
Seit dem Inferno und meinem letzten Triathlon sind nun beinahe zwei Monate ins Land gezogen. 6 Kilos habe ich drauf gepackt und sicherlich ein ganzes Weingut leer getrunken. Die perfekten Bedingungen für einen Lauf, der zünftig was an Höhenmetern bietet.
Meine Idee war, ein schönes und entspannendes Wochenende mit Moni zu verbringen, und das Ganze mit einem Lauf in den Bergen zu starten. Leider fiel dies aber ins Wasser, da unsere Schlafmöglichkeit kurzerhand vergeben war.
So fuhr ich alleine mit dem Zug in die Berge, wie damals am Jungfrau Marathon.
Kein Problem. 5 Uhr aufstehen, zmörgeln, an den HB chauffiert werden und ab mit einigen bereits ganz wach gerüttelten Sportlern nach Ilanz. Ab Chur wurde der Zug zunehmend technischer bestück: Von Salomon Rucksäcken über Trail-Laufschuhe bis hin zur X-Bionics Bekleidung war alles mit dabei.
Mir gegenüber ein ungleiches Team: Einer arbeitete über Jahre für ON, und war von Kopf bis Fuss von diesem Hersteller durchgestylt.. Und da war noch eine Frau auf der gegenüberliegenden Seite. Sie sah stark aus, wirkte aber normal wie du und ich… Sie gewann den Lauf mit knapp 2 Stunden weniger wie ich….Keine ahnung wie man so rennen kann.
In Ilanz angekommen kaufte ich mir noch all das Material, welches ich vergessen hatte (Rettungsdecke, Pfeife und Verbandszeug), wer liest denn schon die Packliste früher wie Vorabends… echt, was denken die sich. pffff…

Die Rheinschlucht aus dem Tal

Der Blick hinunter

Die saftigen Wiesen der Versamer Höhe

Bald schon stand ich am Start. Bereits hier waren auf einem kleinen mit Holzschnippseln belegten Pfad, der als Startrampe diente, gezielt kleine Hindernisse, in Form von Holzklötzen und Steinen, aufgebaut worden. Sowas wie diesen Start hatte ich noch nie erlebt. Alle 5 Sekunden startete jemand. Ein weiteres Zeichen für einen total entspannten Anlass. Echt super!
Ein letztes mal auf die Toilette und los gings. Könnt ihr euch erinnern, wie sich die ersten Meter an einem Wettkampf anfühlen? Man ist Mitten im Geschehen, findet gleich seinen Pace und sein Grüppchen mit derselben Geschwindigkeit. Denkste! Die ersten 30 Minuten war mal “Bensch überholen” angesagt, nach weiteren 30 Minuten im gleichen Tempo kam schon die erste Rampe. An der Stelle dachte ich mir, dass ich es schaffe. Obwohl …ich hinterfragte dann meinen Puls von 180 ein wenig. So hoch kam mein Puls später dann nie mehr an diesem Tag, denn nach gut 400 Höhenmetern war erstmal Schluss. Nun ich hatte aber bereits ein Drittel hinter mir und so gehts ja noch mit so ein bitzeli Schmerzen in den Hufen….
Also rannte ich weiter, jetzt gings bergab. Locker laufen. Die Aussicht geniessen. Und diese war ein Genuss. Das Rheintal ist einfach fantastisch. Weisse Hügel säumen die Landschaft entlang eines friedlichen Flusses. Wunderbar. Und so kam der zweite Anstieg. An Rennen war gar nicht mehr zu denken. So machte ich mal ein zwei Anrufe…. Es war schön Monis Stimme zu hören, und gab mir Kraft. Nun kam die rauf-runter Kombi über die Versamer Brücke und bei etwas mehr als der Hälfte der Strecke waren zweieinhalb Stunden vergangen. In Rhäzuns wollte ich mein Wasser nachfüllen. Bis dorthin gings aber nochmal so richtig steil bergab. Ich ging mittlerweile rückwärts, denn meine Beine brannten. Leider war in Rhäzüns kein Sprudelwasser zu kriegen…;). Aber egal, auf dem folgenden Anstieg spielte dies sowieso keine Rolle. Es galt etwa 550 Höhenmeter zu bezwingen. Jetzt half nur noch blöd rumquatschen mit denjenigen, die mich überholten. Den Startnummern nach zu urteilen, waren die gute 25 minuten nach mir gestartet. Aber, ich lief weiter, hielt nie an, pushte mich vorwärts und näherte mich der zwei-drittel Marke. Ab hier hat man es schon fast hinter sich und zählt die Meter rückwärts.
Die Verpflegungsstation rüstete mich mit ihrem alten, lauwarmen Spühlwasser und einem Gaumenschmaus von Dörrbrot, welches mir zwischen den Zähnen stecken blieb, aus.
Nun gings 8 Kilometer leicht abfallend bergab. Erst dachte ich, meine Beine können nicht mehr. Aber sie erinnerten sich scheinbar an die Strapazen der vergangenen Saison und trugen mich schön weiter bis Cazis und bis zur Umarmung von Thomi, welcher als Supporter seiner Frau auch mir Zuspruch gab. Noch drei Hügel und das Ziel war da. Auf der Karte sahen diese Hügeli locker aus. Kleine Erhöhungen mit flachen langezogenen Abstiegen. Als ich nun am Berg stand, fiel mir wieder ein, dass die Dicke des Linien auf der Karte etwa 50 Höhenmetern entsprechen. Beim hochmarschieren bewegten sich meine Hüften in Dysplasiestellung, die Menisken quollen auf alle Seiten raus und die Patella machte eine Pirouette um das gesamte Knie…. Doch es ging vorwärts. Die Supporter fuhren uns auf Fahrrädern nach, und der Anblick von Kindern mit Häschen auf dem Arm heiterte uns auf. Die letzten 4 Kilometer bergauf fühlten sich wie eine Dampflokomotive mit angezogenen Bremsen im Tunnel an. Der letzte Kilometer hatte dann nochmals die zehnfachen Höhenmeter eines normalen Marathons. Ich kam wieder zu kräften, die Handbremse lockerte sich und das Licht am Ende des Tunnels war sichtbar. Noch einmal abbiegen, über die Messmatte, 42.0km, Abschlussfoto… und ich fragte mich: “wo ist das Ziel??”
Bevor ich mein Holzbrettli mit Wurst und Messer in den Händen hielt, war ich nicht sicher, ob’s auch wirklich vorbei ist.
Nun ist mittlerweile ein Tag vergangen und ich konnte fast nicht aufstehen… aber für den Sonntagspaziergang mit meiner Maus musste es dann doch der Üetliberg sein….

Belohnung par excellence